{"id":76,"date":"2019-03-26T17:08:20","date_gmt":"2019-03-26T16:08:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.valentinlippmann.de\/?p=76"},"modified":"2019-03-27T11:17:00","modified_gmt":"2019-03-27T10:17:00","slug":"achtung-umfrage-alarm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.valentinlippmann.de\/?p=76","title":{"rendered":"Achtung, Umfrage-Alarm!"},"content":{"rendered":"<p>Einigen hat es am Samstag vielleicht die Sprache verschlagen, als sie die j\u00fcngste Sachsen-Umfrage zur Landtagswahl in der LVZ gesehen haben. Manchen ist vielleicht vor Freude oder Schreck, aufgrund des Wertes von B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN, der Kaffee aus der Nase gekommen. Nun schlachtet die LVZ\/DNN jeden Tag die Ergebnisse der Umfrage weiter aus.<\/p>\n<p>Grund genug, sich der Umfrage in einem kurzen Text mit drei Fragen zu widmen, die sich beim Lesen der Umfrage sofort ergeben \u2013 auch um Fehldeutungen vorzubeugen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Ist die Umfrage seri\u00f6s?<\/strong><\/p>\n<p>Wie seri\u00f6s Umfragen sind, ist ohne genauere Kenntnisse der Methode ihrer Erstellung schwer einzusch\u00e4tzen. Es f\u00e4llt allerdings auf, dass es au\u00dfer der Zahl der Befragten und der Darstellung des Befragungszeitraumes keine pr\u00e4ziseren Informationen \u00fcber die Methodik der Umfrage gibt. So bleibt offen, wie die Personen (Telefon \/ Internet \/ pers\u00f6nlich) befragt wurden, wie die Auswahl der Befragten erfolgte (Zufallsstichprobe \/ Quotenauswahl) und ob es sich um die Rohdaten handelt, die ver\u00f6ffentlicht wurden oder diese nachtr\u00e4glich (wie auch immer) modelliert wurden. Mit Blick auf diese Angaben und auf den Umstand, dass das Institut, welches die Umfrage erstellt hat, sicherlich nicht zur Speerspitze der Umfrageinstitute geh\u00f6rt, kann und muss man die Umfrageergebnisse durchaus kritisch hinterfragen.<\/p>\n<p>Gerne wird auch in Bezug auf diese Umfrage dabei auch auf die mangelnde Zahl der Befragten abgestellt und unterstellt, dass eine Umfrage mit 703 Menschen schlicht nicht repr\u00e4sentativ sei. Das ist falsch und zeigt, wie stark Umfragen von der 1.000+X-Logik der Sonntagsfragen im Bund bestimmt sind. Die Zahl der Befragten entscheidet schlussendlich n\u00e4mlich lediglich dar\u00fcber, wie stark der in der Umfrage ermittelte Wert von der Realit\u00e4t (Grundgesamtheit) abweicht. Um das darzustellen, errechnet man sog. Konfidenzintervalle und gelangt zu folgender Erkenntnis:<\/p>\n<p>Bei 700 Befragten bewegt sich der \u201etats\u00e4chliche Wert\u201c bei einem Umfrageergebnis von 15% in einem Bereich von 12,4% bis 17,6%. Befragt man indes 1.000 Menschen, so bewegt er sich nur noch zwischen 12,8% und 17,2%.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen 1.000 Befragten und lediglich 700 dergleichen ist also keineswegs so gro\u00df, dass man die Umfrage alleine deswegen getrost unter Ulk verbuchen k\u00f6nnte. Gleichwohl macht eine Angabe im Text zur Umfrage auch hier stutzig. Dort hei\u00dft es \u201eJeder vierte Befragte sagt, dass er entweder nicht zur Wahl geht oder nicht wei\u00df beziehungsweise nicht sagen will, wen er w\u00e4hlt.\u201c \u2013 Es ist somit durchaus anzunehmen, dass die Zahl der Personen, die geantwortet haben nicht etwas 703 sondern nur 530 betr\u00e4gt. Dann liegt der tats\u00e4chlich Werte f\u00fcr ein 15%-Umfrageergebnis indes irgendwo zwischen 11,9% und 18,1%. Der Unterschied des Umfragewertes zu einer 1.000er Befragung ist trotzdem nur 1,1 Prozentpunkte nach oben und nach unten.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es in der Umfrage erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftige Entwicklungen, die man auch nicht mit der Feststellung eines Religionssoziologen in der LVZ, dass die GR\u00dcNEN gerade bundesweit im Aufw\u00e4rtstrend sind, erkl\u00e4ren kann. Im Vergleich zur letzten Umfrage der DNN sind nahezu alle Parteien in den Werten gleich geblieben. Nur B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN legen um 9 Prozentpunkte zu und die AfD verliert 6 Prozentpunkte. Es ist nicht davon auszugehen, dass pl\u00f6tzlich ein Viertel der bisherigen AfD-Symphatisant*innen ihr Herz f\u00fcr Weltoffenheit und Klimaschutz entdeckt haben und zu den GR\u00dcNEN tendieren.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind Erkl\u00e4rungen denkbar, wie derartige Ergebnisse zustandekommen (CDU f\u00e4ngt sowohl durch die landes- als auch bundespolitische Ausrichtung AfD-Symphatisanten wieder ein, verliert aber durch diesen Rechtskurs deutlich an die GR\u00dcNEN). Allerdings sind solche gro\u00dfen Spr\u00fcnge zu hinterfragen, zumal der Bundestrend der GR\u00dcNEN bereits im August 2018, dem Zeitpunkt der letzten Umfrage, bei 15% lag. Man sollte also die konkreten Umfrageergebnisse solange nicht f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, bis sie nicht durch eine andere Umfrage best\u00e4tigt werden.<\/p>\n<p><strong>Was sagt uns die Umfrage dann?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man Umfragen nicht in detaillierten Prozentergebnissen sondern in Entwicklungen liest, kann man selbst aus dieser Umfrage einiges entnehmen:<\/p>\n<p>Die CDU wird sicherlich bei der kommenden Wahl \u2013 Stand jetzt \u2013 keinen h\u00f6heren 30%-Wert erhalten. Der sp\u00fcrbare Rechtskurs fruchtet entweder gar nicht oder f\u00fchrt bestenfalls zu einem Nullsummenspiel, weil gleichzeitig W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler (vermutlich an die B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN) verloren werden.<\/p>\n<p>SPD und LINKE stehen in Umfragen recht stabil bei ihren letzten Wahlergebnissen. Das ist insbesondere f\u00fcr die SPD aufgrund ihres schlechten Bundestrends und der eher bescheidenen Performance auf Landesebene eine gute Nachricht.<\/p>\n<p>Die FDP muss um den Wiedereinzug k\u00e4mpfen und die AfD kann bis zur Wahl noch unter 20% fallen (was mit Blick auf das Bundestagswahlergebnis ein beachtlicher Erfolg w\u00e4re, zumal die Umfragewerte im Bund derzeit nicht schlechter liegen als das Bundestagswahlergebnis der AfD).<\/p>\n<p>B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN haben als einzige Partei zugelegt und d\u00fcrften auch in jeder anderen Umfrage deutlich \u00fcber 10% stehen. Nur ihre St\u00e4rke bringt derzeit Dynamik in das sonst relativ starre Umfragebild.<\/p>\n<p><strong>Was kann man aus der Umfrage ableiten?<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn die Feststellungen alle relativ banal klingen und es auch tats\u00e4chlich sind, lassen sich ein paar Ableitungen aus dieser Umfrage durchaus treffen, sofern man sie f\u00fcr habwegs realistisch h\u00e4lt:<\/p>\n<p>1. Es gibt mehr Dynamik in der politischen Landschaft in Sachsen, als man glauben wollte. Es ist nicht alles entschieden und Sachsen keineswegs dem unaufhaltsamen Abgang in den politischen Untergang geweiht. Die aktuelle Umfrage zeigt, dass auch Sachsen sich nicht vom politischen Bundestrend abkoppeln l\u00e4sst und mit einem aufziehenden Wahlkampf die Starre in den Umfragewerten in Bewegung kommt. Solche Dynamiken k\u00f6nnen sich verstetigen, was hei\u00dft, dass es im Kampf um Mehrheiten f\u00fcr ein moderneres Sachsen jetzt wohl gerade erst losgeht und sich das zarte Pfl\u00e4nzchen eines gesellschaftlichen Aufbruchs in Sachsen Bahn langsam bricht.<\/p>\n<p>2. Allerdings w\u00fcrde Rot-Gr\u00fcn-Rot derzeit vor allem von einem starken GR\u00dcNEN Ergebnis in die Richtung des M\u00f6glichen getrieben. Das hei\u00dft, es gibt keine lineare Zugewinn-Entwicklung eines vermeintlichen rot-gr\u00fcn-roten \u201eLagers\u201c, sondern genau genommen nur eine Partei die durch ihre Umfragewerte diese Option in den Rahmen des mathematisch Denkbaren holt. Nur aus der Dynamik von B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN erw\u00e4chst derzeit die Chance des Wechsels.<\/p>\n<p>Dies sollte vor dem Trugschluss bewahren, dass ein reiner Lagerwahlkampf diesen Effekt automatisch verst\u00e4rken w\u00fcrde (vor allem, wenn man sich die Frage stellt, wo die Zugewinne der GR\u00dcNEN herkommen). Die Umfrage zeigt erstmal seit langem, dass es nicht nur Neuverteilungen des ansonsten stabilen rot-gr\u00fcn-roten Kuchens gibt, sondern Zugewinne in andere W\u00e4hlersegmente.<\/p>\n<p>3. Ein Machtwechsel scheint m\u00f6glich, wenn ihn alle wollen, aber eben nur dann, wenn die Parteien optimal ihre W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler ausmobilisieren. Dies macht jedoch zwingend eine Unterscheidbarkeit der Protagonist*innen deutlich. Deswegen ist es vor allem notwendig, den Wahlkampf an Inhalten und an einer markanten Unterscheidbarkeit zur CDU, die einen offenen Rechtskurs f\u00e4hrt, aufzubauen, um dadurch bestm\u00f6gliche Mobilisierungseffekte zu erzielen. Statt eines \u201eLagers\u201c braucht es einen inhaltlichen Frame der jene W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler versammelt, die die CDU abl\u00f6sen wollen \u2013 das blo\u00dfe Lagerdenken m\u00fcsste durch eine glaubhafte Modernisierungserz\u00e4hlung Sachsens in \u00f6kologischer, gesellschaftlicher und \u00f6konomischer Hinsicht ersetzt werden, die durch die einzelnen Parteien f\u00fcr ihre W\u00e4hlerschaft tragf\u00e4hig ausbuchstabiert werden muss.<\/p>\n<p>Da sowohl B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN als auch die LINKE sich zu einem Politikwechsel in Sachsen bekannt haben und lediglich die SPD dies, mit Verweis auf die rechnerische Unm\u00f6glichkeit, faktisch ausgeschlossen hat, sind nun letztere endg\u00fcltig in einer Entscheidungssituation. Wenn die SPD weiter in Vasallentreue sich Gedanken \u00fcber einen Machtwechsel durch ritualisierte Bekenntnisse zur Fortsetzung von Schwarz-Rot verschlie\u00dft, k\u00f6nnte dies zu einer weiteren Verschlechterung der Ausgangsposition der SPD f\u00fcr die Landtagswahl f\u00fchren.<\/p>\n<p>Kurzum: Die Umfrage f\u00fchrt vielleicht dazu, dass klarer wird, wer neue Mehrheiten in Sachsen wirklich will, wenn man kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einigen hat es am Samstag vielleicht die Sprache verschlagen, als sie die j\u00fcngste Sachsen-Umfrage zur Landtagswahl in der LVZ gesehen haben. Manchen ist vielleicht vor Freude oder Schreck, aufgrund des Wertes von B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN, der Kaffee aus der Nase gekommen. Nun schlachtet die LVZ\/DNN jeden Tag die Ergebnisse der Umfrage weiter aus. 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